Laufbericht vom Ultralauf Dresden-Hof

Es war irgendwann im Oktober vorigen Jahres, da bekam ich bei Facebook einen Eintrag zwischen die Finger, welcher auf einen Spenden-Ultralauf hinwies: Hartmut Kohn, mir damals als Ultralauf-Neuling mit gerade mal drei Ultraläufen im Rücken noch völlig unbekannt, organisierte einen Etappenlauf Mitte Februar 2016 über drei Tage von Dresden nach Hof, hieß es da. Ziel sei es, die Strecke des Sächsischen Jakobsweges von Pesterwitz bei Dresden nach Hof in Bayern mit einer Gruppe von Läufern in drei Tagen zurückzulegen und damit auf die Hofer Behindertenszene e.V. (www.hobs-ev.de) aufmerksam zu machen bzw. für diese Spenden zu sammeln.
In diesem Verein gibt es engagierte behinderte Sportler, deren Ziel es ist, bei den 2017 in Hof stattfindenden Special Olympics Bayern starten zu können. Ich fand diese Idee bewundernswert. Da organisiert jemand mit viel Aufwand ein solches Event, um behinderten Sportlern zu helfen. Nach einem kurzen Blick auf die benannte Homepage des Organisators www.hartmut-kohn.de markierte ich diesen Beitrag mit einem „Like“. Nicht ohne mich dabei zu fragen, ob es auch für mich als Neuling in der Ultra-Szene möglich wäre, eine solche Distanz zu bewältigen. Da ich jedoch für das betreffende Wochenende bereits zur Brocken-Challenge (BC) vorregistriert war, bei welcher die Läufer an einem Tag die Strecke von 86 km von Göttingen bis auf den Gipfel des Brockens zu absolvieren haben, machte ich mir darüber keine großen Gedanken. Dieser Lauf auf den Brocken sollte für mich eine weitere sportliche Herausforderung werden, war ich doch zuvor noch nie so weit, noch dazu im Winter, gelaufen. Ein dreitägiger Etappen-Ultra musste auf jeden Fall noch warten, dazu war ich einfach noch zu unerfahren.

Einige Tage später bekam ich plötzlich eine Nachricht, Absender ein gewisser Hartmut Kohn, ob ich an seinem Lauf interessiert sei. Ich stutzte, meint der wirklich mich? Ich als Neuling mit einer Gruppe von erfahrenen Ultraläufern (wie ich mittlerweile auf seiner Homepage lesen konnte) in drei Tagen im Laufschritt die Strecke von 227 km zu bewältigen, Tagestouren von jeweils 83 km, 87 km und am Schluss 57 km. Ok, der meint wirklich mich. Was nun? Ich fühlte mich natürlich geehrt und da ich keine Herausforderungen scheue, teilte ich ihm mit, wenn ich keinen Zuschlag beim Losverfahren zur Teilnahme an der BC bekomme, mache ich mit. Nach dem Abschicken der Nachricht kamen mir bereits die ersten Zweifel: Da sollte ein Winterultra auf den Brocken mit Schneehöhen von bis zu einem halben Meter meine neue Herausforderung sein und jetzt will ich schon diese Distanz dreimal hintereinander laufen? Also gut, noch konnte ich hoffen, dass mir das Losglück hold war und ich „nur“ im Winter auf den Brocken laufen musste. Wohne und trainiere ich doch im Erzgebirge und kenne die winterlichen Bedingungen sehr gut.
Der Tag des Losentscheides rückte näher, meine Zweifel stiegen. Letzten Endes redete ich mir ein, was soll es, lass doch das Schicksal entscheiden: Sollte ich bei der BC keinen Startplatz bekommen, soll es wohl so sein, dass ich an Hartmut Kohn´s Spendenlauf teilnehme. Da dieser Laufbericht nicht über die BC, sondern über letzteren geschrieben ist, liegt das Ergebnis auf der Hand: Kein Zuschlag bei der BC. Einige Tage später telefonierte ich mit Hartmut Kohn und fragte ihn nach den Details des Laufes. Dieses Telefonat nahm mir meine letzten Zweifel: Lauftempo passte, die Organisation schien in guten Händen und der Organisator selbst machte einen höchst sympathischen Eindruck. Also zugesagt, Startgeld überwiesen und einen Trainingsplan entworfen, um mich die restlichen drei verbleibenden Monate optimal vorzubereiten. Da wir auch dieses Jahr wieder von einem längeren Winter verschont blieben, konnte ich den Plan gut abarbeiten. Im Kern hieß es: viele lange Läufe mit vielen Bergen. Der Februar rückte näher, die Aufregung und Vorfreude stiegen. Immer wieder kamen Zweifel: Würde mein Trainingsplan ausreichen, würde ich gesund bleiben, würde ich das Tempo der Gruppe mithalten können? Ok, einfach erst mal den Trainingplan weiter abarbeiten, der Rest wird sich fügen. Dann Ende Januar ein kurzer Schreck: Kurz nach dem letzten langen Trainingslauf, den ich im erzgebirgischen Tiefschnee absolvieren musste, machte sich der linke Fuß bemerkbar und gab sichtbare Zeichen: Junge, ich brauch eine Pause. Ok, die Taperingphase stand sowieso an, Umfänge runterfahren und hoffen, es wird nicht schlimmer.

Letzteres trat zum Glück ein und so stand ich am 12. Februar 2016 morgens früh um 5:30 Uhr bei geschätzten 0° Celsius in Pesterwitz am Start. Läufer, Helfer und Presseleute versammelten sich in diesem noch tief schlummernden Dorf an der Kirche und fieberten dem Start um 6:00 Uhr entgegen. Nur einer fehlte: Der Organisator und seine als Helferteam fungierende Familie. Ein Anruf brachte die Lösung: Nichts passiert, nur eine kleine Verspätung aufgrund einer Panne beim Anbau des Fahrradträgers für das Rad von Begleiterin Kerstin. Also kein Fahrradträger, keine Fahrradbegleitung ab Tag 2 , dafür mehr Laufkilometer für Kerstin. Kurz vor 6:00 Uhr rollte der Organisator mit seinem Helferteam vor, jetzt war Eile angesagt. Jedoch nicht für Hartmut: Laufbekleidung mit den Sponsorenlogos verteilen, GPS-Geräte ausgeben, Absprachen treffen, Presseinterview und Abschlussfoto vor der Kirche. Es war mittlerweile 6:45 Uhr, als sich unser kleines Läuferfeld in Bewegung setzte. Jetzt sollte es also losgehen, das Abenteuer beginnt. Ich frage mich, was wohl die wenigen Dorfbewohner dachten, die zu dieser Zeit schon munter waren, als sie unseren mit neongelben Shirts und Stirnlampen ausgerüsteten Trupp durch die Dunkelheit laufen sahen. Das Anfangstempo war angenehm, meine Befürchtungen blieben aus. Der erste Abzweig ohne das wegweisende Schild der Jakobsmuschel kam, erste fragende Gesichter auf die GPS-Geräte und weiter. Ok, das scheint zu funktionieren. Vorwegnehmen kann ich, dass der Jakobsweg überwiegend vorbildlich ausgeschildert ist, es jedoch insbesondere auf der zweiten Etappe von Chemnitz nach Oberlauterbach größere Strecken gab, auf denen die Wegweiser fehlten. Ohne GPS würde man sich hier gnadenlos verlaufen.

Es dauerte nicht lange, da erblickte unser Lauftrupp in der Ferne eine mit einem gelben Stück Tuch winkende Person. Es war Hartmut´s Tochter Leonie an der ersten Verpflegungsstelle Dieser Anblick sollte uns bis zum Ende der Tour begleiten, was uns insbesondere immer ab spätestens der Hälfte der Tagesetappen die Strapazen für eine kurze Zeit vergessen ließ. Die Verpflegung ließ keine Wünsche offen. Hartmuts Helferteam funktionierte eingespielt und hoch motiviert. Von Leberwurstschnitten über Blechkuchen, warmer Hühnerbrühe, Obst und diverser Energieriegel/-gels war alles dabei. Getränke wie Wasser, Cola, Tee oder Kaffee ergänzten diese Palette. Meine Notration im Laufrucksack blieb nahezu unangetastet. An den Verpflegungsstationen hielten wir uns immer einige Minuten auf, warteten auf etwas langsamere Läufer und starteten wieder gemeinsam. So vergingen die Stunden, ohne dass ich es groß bemerkte. Ich nutzte die Laufzeit, um mit den anderen Läuferinnen und Läufern ins Gespräch zu kommen. Dabei lernte ich viele interessante Menschen hinter den Läufern kennen, was so nur bei einem Gruppenlauf möglich ist. Diese wenigen gemeinsamen Tage haben gereicht, um einige der Mitläufer bereits als Freunde zu bezeichnen, deren Kennenlernen ich nicht mehr missen möchte, obwohl ich mit solchen Formulierungen grundsätzlich sehr vorsichtig bin.
In Kirchbach gab es dann einen etwas längeren Stopp, ein Pressevertreter war anwesend, führte Interviews durch und schoss Fotos. Außerdem war hier der Punkt, an dem einige Läufer die Tagesetappe beendeten und im Begleitbus weiterfuhren, da sie ihr persönliches Tageslaufziel von mehr als 42 km erreicht hatten. Knapp mehr als die Hälfte war also geschafft, ich fühlte mich gut, hatte keinerlei Probleme. Also Mittagessen fassen (leckere Kartoffeln mit Quark) und weiter ging es Richtung Chemnitz, immer der Jakobsmuschel nach. Fast vergessen hätte ich jetzt unseren „rasenden Fotografen“ Jens, der uns auf dem Rad begleitete, immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hatte und eine Menge Fotos schoss. Ich kann mich nur wiederholen: insgesamt eine dufte Truppe! Meine letzten Zweifel waren verflogen, ich lief und lief und lief. Berg hoch, Berg runter, Feldwege, Waldwege, Radwege, Verkehrsstraßen, applaudierende Menschen in Orten, die wir durchliefen und die von unserem Vorhaben hörten. Das Wetter war trocken und angenehm, es passte einfach alles. Dann erblickte ich nach einem Bergkamm in der Ferne die Augustusburg – für mich das erste sichtbare Zeichen meiner näher rückenden Heimat und des heutigen Etappenzieles Chemnitz. Nun konnte mich nichts mehr aufhalten, weder eine sich ankündigende Blase am Fuß noch eine langsam einsetzende Ermüdung. Am letzten Verpflegungspunkt gegen 18:00 Uhr in Euba setzte die Abenddämmerung ein, wir zogen die Stirnlampen wieder auf, stärkten uns noch ein letztes Mal und machten uns durch die Dunkelheit auf Richtung Ziel, welches uns durch den bunten Schornstein von Chemnitz weithin angezeigt wurde. Ein letztes Hindernis bot uns der mittlerweile stockdunkle Zeißigwald, den wir durchqueren mussten. Vorsicht war geboten, jetzt nur nicht noch stolpern, was für unsere völlig ermüdeten Beine und Körper fatal gewesen wäre. Dank Stirnlampen und GPS tauschte die Stadt auf und nach einer kurzen Durchquerung erreichten wir kurz vor 19:00 Uhr die Jugendherberge am Getreidemarkt. Ein kurzes „Abklatschen“, gegenseitige Glückwünsche zum Finish der ersten 83 km und ab unter die Dusche. Anschließend Abendessen, Regenerationsübungen mit dem mitreisenden Physiotherapeuten Normann und ab zur Massage, welche durch einen Chemnitzer Physiotherapie durchgeführt wurden und wahre Wunder bewirkte. Keinerlei Muskelkater am nächsten Morgen, die Mädels und Normanns Übungen waren einfach gut. Dafür zwickte es am Morgen des zweiten Tages in meiner linken Kniekehle. Nichts dramatisches, ich kannte diese Art von Schmerz nicht, hinten in der Kniekehle? Ok, ignorieren und weiter. Wird nichts weiter sein. Diese Einschätzung sollte sich am heutigen Abend als falsch herausstellen, aber dazu später.

In Chemnitz stiegen zwei Läufer aus und drei neue Läufer mit ein. Wir starteten gegen 6:30 Uhr und durchquerten den Stadtwald im Dunkeln. An der ersten Verpflegungsstation in Klaffenbach war es bereits hell, es gab Kaffee und Tee und wieder reichliche Speisenangebote. Stutzig machte uns, dass unser Organisator Hartmut bereits am Ende der ersten Etappe etwas zurücklief und dem nicht zu hohen Tempo schon nicht mehr recht folgen konnte. Muskuläre Probleme zwangen ihn dann am zweiten Verpflegungspunkt bereits ins Begleitfahrzeug, auch wenn er es nicht so recht wahrhaben wollte und hier viel Überredungskunst seiner Familie nötig war. Hartmut ist halt ein Kämpfer, er wäre am liebsten die restliche Strecke noch gewandert, was natürlich nicht möglich war. So unterstützte er uns ab da bei der Verpflegung, konnte auf den Marktplätzen den Menschen sein Vorhaben näherbringen und Pressetermine wahrnehmen. Meine Kniekehle machte sich weiterhin mit einem leichten Druck bemerkbar, der mich aber beim Laufen nicht behinderte und sich nicht verstärkte. Konditionell fühlte ich mich gut. Erstaunlich, am Tag nach meinen bisherigen drei Ultramarathons war ich immer ziemlich ausgelaugt, hatte Muskelschmerzen und wollte mit Sicherheit nicht laufen! Das war auch eine Befürchtung im Vorfeld gewesen: Wie würde es sein, nach einem Ultramarathon am nächsten Tag noch einen zu laufen und dann noch einen Dritten? Aber nichts dergleichen, alles lief wie am Schnürchen.
Man kannte sich besser, die Gespräche wurden tiefgründiger und die Kilometer verflogen. Unterwegs noch ein kurzes Geburtstagsständchen für Torsten, unseren mitreisenden Helfer, der am diesen Tag Geburtstag hatte und sich riesig darüber freute, als wir Läufer vor ihm „Happy Birthday“ -singend vor ihm auftauchten. Am Verpflegungspunkt in Hartenstein dann ein kurzes ermahnendes Gespräch mit zwei der drei Tages-Neueinsteiger des heutigen Tages, welche ausgeruht vorn ordentlich Tempo machten und die Gruppe immer wieder auseinander rissen. Das half, beide integrierten sich besser in die Gruppe, was dem Laufrhythmus sichtlich gut tat.
Kurz vor Zwickau dann ein kleiner Schock für mich: In Gesprächen bekam ich mit, dass viele Läufer dort nach knapp 50 Tageskilometern aussteigen wollten. Da das die Läufer meiner Leistungsklasse waren, traf mich das erstmal ordentlich. Ich wollte durchlaufen, hatte aber Befürchtungen, dass das Gruppentempo von nun an anzog und ich vermutlich auch aussteigen musste. Mit drei ausgeruhten Tages-Neueinsteigern und zwei Ultra-Profis an meiner Seite fühlte ich mich plötzlich sehr klein. Ok, nichts anmerken lassen, Verpflegung fassen und weiter. Mein Entschluss war gefasst: Wenn mich diese kleine Gruppe mitnahm, kann ich es schaffen. Es würde ein harter Kampf werden, das spürte ich schon in Zwickau nach „nur“ 47 km, aber mein Kampfeswille war geweckt. Nur noch drei Läufer waren übrig, die bis hier die gesamte Strecke durchgelaufen waren und ich Neuling war dabei.

Meine Befürchtungen zerstreuten sich ganz plötzlich im Wind: Johannes und Thomas, denen ich auf dieser zweiten Etappenhälfte sehr viel, letzten Endes das Finishen dieser zweiten Etappe zu verdanken habe und die ich im Nachgang zu diesem Abenteuer als wahre Freunde bezeichne, übernahmen als Profis die Verantwortung der Gruppe und bestimmten mich als Tempomacher: Ich durfte das Tempo machen, niemand überholt mich. Sie versicherten mir, dass sie mein Tempo bis zum Schluss mit laufen würden, solange ich noch joggen kann. So etwas Uneigennütziges und Hilfsbereites habe ich noch nie erlebt. Die beiden hätten mit den drei Neueinsteigern deutlich schneller laufen können und verzichteten darauf, um gemeinsam mit mir die Etappe zu beenden. So wären wir am Ende des zweiten Tages noch drei Läufer gewesen, die bislang komplett durchgelaufen sind. Für einige Kilometer gesellte sich Harald noch zu uns, der eigentlich sein persönliches Tagespensum schon absolviert hatte und uns nun mit seiner lockeren, fröhlichen Art immer wieder erheiterte.
Die Etappen wurden gefühlt immer länger, die nächsten Verpflegungspunkte wollten einfach nicht kommen, die Zeit verrann, nur nicht die Kilometer. Das Knie meldete sich langsam deutlicher, an den Verpflegungsstationen konnte ich nicht mehr lange stehen bleiben, da das Bein in Ruhe sofort mehr schmerzte und steifer wurde. Erst nach ein paar Laufmetern gab sich das immer wieder etwas, so dass ich immer nur kurz Verpflegung fasste und sofort langsam weiter trabte. Meine Mitläufer wussten Bescheid und schlossen dann immer wieder zu mir auf. Dies kurze Zeit allein nutzte ich zunehmend, um mich den Emotionen hinzugeben: Die Anstrengungen, das langsam näher rückende Ziel, die steigende Wahrscheinlichkeit, trotz Ermüdung und mittlerweile deutlich zunehmender Schmerzen im linken Bein gemeinsam das Ziel zu erreichen, die Dankbarkeit über Johannes und Thomas, die an mich glaubten – einfach kurze Momente der Glückseeligkeit. Die beiden wollte ich heute auf keinen Fall enttäuschen: Erst laufen sie langsamer mit mir und dann würde ich aufgeben und sie müssten allein durch die Dunkelheit – niemals, da müsste schon viel passieren.

An jeder Verpflegungsstelle wurden wir euphorisch empfangen, Hartmut´s Tochter winkte unermüdlich mit ihrem Tuch von weiten, alle lasen uns die Wünsche förmlich von den Lippen ab und umsorgten uns unermüdlich. Die Dunkelheit rückte näher, Stirnlampen raus, kurzer Schreck: meine Stirnlampe war weg. Sofort bekam ich eine Ersatzlampe eines Mitläufers und weiter ging es in die einsetzende Abenddämmerung. Es wurde kühler, aber nicht unangenehm. Meine Mitläufer motivierten mich immer wieder. Ängstliche Blicke immer wieder voraus auf die Laufstrecke: Sind da wieder Berge zu sehen, die es zu erklimmen gilt? Man konnte drauf warten: geradeaus gemächliche Steigung, links bergab und rechts steil und unendlich lang bergauf. Die Muschel zeigt nach rechts. Also Kopf ausschalten, einen Fuß vor den anderen setzen und Meter für Meter den Berg hoch – eine gefühlte Ewigkeit. Anderthalb Stunden für knapp 10km! Aber wieder ein paar Kilometer näher am Ziel. Nun noch zwei Verpflegungspunkte, jeweils sieben bis acht Kilometer auseinander und dann die letzte Etappe zum Ziel – wir rechneten nur noch in der Anzahl der Verpflegungspunkte.
Mit zunehmender Dunkelheit waren die Wegweiser, so überhaupt vorhanden, nur noch schwer zu erkennen, die GPS-Geräte leisteten jetzt ganze Arbeit. Wir haben uns kein einziges Mal verlaufen, ich bewundere meine Mitläufer, wie sie auf diesen Geräten den Weg so genau bestimmen konnten. Ich sah dort immer nur eine Linie und einen Pfeil, ich hätte nie gewusst, wo ich hinlaufen soll. Der letzte Verpflegungspunkt nahte. Das Bein ließ keinen Halt mehr zu, kurz im Vorbeigehen ein Apfelstück, einen Becher Cola und meine Wasserflasche auffüllen lassen und weiter. Von jetzt an waren meine Mitläufer Thomas und Johannes für mich mehr gefragt denn je. Noch sieben Kilometer bis ins Ziel. Der Traum, zwei Ultramarathons bzw. 170 km in zwei Tagen zu laufen zum Greifen nahe. Sie spornten mich an, das nahe Ziel vor Augen, versorgten mich mit ihren mitgeführten Notrationen – eine kleine Tüte Gummibären wirkt hier wahre Wunder! Sie ließen mich wissen, dass sie von nun an zur Not auch noch die gesamte letzte Etappe mit mir zu Fuß wandern würden, aber sie würden mich durchbringen – was ich dankend ablehnte. Nein Freunde, ich zeige euch, dass ihr nicht umsonst an mich geglaubt habt! Also schleppte ich mich im vermutlich langsamsten Laufschritt schwankend durch die Finsternis, der Kopf war komplett ausgeschaltet, ein Fuß vor den anderen.

Ich hörte hinter mir die Stimmen meiner Mitläufer: „Den müssen wir am Ziel ausschalten, der läuft sonst weiter“. Jetzt mit Kilometerangaben: noch 5, 4… Warum kommt die 3 nicht? Eine Ewigkeit vergeht, dunkelster Wald, schlammige Wege, mehr rutschen als laufen, dann eine Ortschaft, das Ziel? Enttäuschung – durch die müssen wir noch durch, die nächste ist es. Also weiter, es geht fast nichts mehr. Raus aus der Ortschaft, rein in die Finsternis. Dann wieder Lichter am Horizont, das muss Oberlauterbach sein, unser heutiges Etappenziel. Von hinten kommt die Ansage: noch 700m. Gott sei dank! Da, nach der nächsten Biegung Gestalten in der Dunkelheit, ein Fahrzeug, eine winkende Person. Es sind unsere Begleiter, Leonie, Kerstin und unser Physiotherapeut Normann kommen uns ein Stück entgegen, noch wenige Meter bis ins Ziel. Ich kann nicht mehr, gestützt durch meine Lauffreunde Thomas und Johannes sowie Normann humple ich gegen 19:30 Uhr ins Ziel, wir sind da.

Ich bin den Tränen nahe, Umarmungen, Glückwünsche der Begleiter und Mitläufer, Emotionen pur. Das Knie macht komplett dicht, ich kann kaum noch stehen. Mir wird klar, hier ist Schluss, es wird morgen für mich nicht weitergehen. Umso wichtiger für mich, diese zweite Etappe im Ganzen beendet zu haben, was ich ausschließlich Johannes und Thomas zu verdanken habe, ich stehe tief in eurer Schuld – ihr seit für mich wahre Helden. Der Rest des Abends ist leider schnell erzählt: Das linke Bein ist steif, schmerzt höllisch und schwillt immer mehr an. Ich entscheide, hier auszusteigen und mich abholen zu lassen. Ich spüre, dass das Bein sich nicht über Nacht erholen und sich eher zusehends verschlimmern wird, was auch so eintraf. Viele liebe Helfer kümmern sich um mich, spenden mir Trost. Kerstin bringt mir das Essen aufs Zimmer, Andre packt meine Sachen. Normann kümmert sich um mein Bein, Torsten organisiert den Kontakt zu meinem Sohn, der mich noch in der Nacht abholt und Johannes bleibt immer in meiner Nähe, um mich zu unterstützen. Hartmut macht sich als Organisator Sorgen, ich beruhige ihn. Es war meine Entscheidung weiterzulaufen und dass es im Ziel so schlimm kommt, habe ich nicht im Ansatz geahnt. Irgendwann kommt mein Sohn, um mich abzuholen. Vielen Dank an dich Steve. Ich weiß, dass du beim Anruf gerade mit deiner Freundin mit bereits gekauften Karten vorm Kino standest und keine Sekunde gezögert hast, sofort loszufahren. So musste ich die letzte Etappe nach Hof via Facebook vom heimischen Sofa aus verfolgen, immer in Gedanken bei der Truppe, die insgesamt Großes geleistet hat. Am Schluss möchte ich noch einmal Danke an alle sagen: angefangen bei Organisator Hartmut, seinem Helferteam, dem Physiotherapeuten Normann und allen Mitläufern für dieses unvergessliche Ereignis.
Wir sehen uns wieder…